A sad day

Es ist Freitag der 13. Februar, ich steige aus dem Linienbus, sehe die Imbissbuden hinter der Haltestelle und -Bamm!- da ist die Erinnerung, zum letzten Mal kam ich hier vorbei als Devin und ich auf dem Weg zum Karneval der Verpeilten waren, voriges Jahr, da war der überraschenderweise nicht am Planetarium, sondern in der Nähe des neuen Hauptbahnhofs, und niemand wußte so genau wo, alle paar Meter sah man junge Menschen die auch auf der Suche sein könnten, wahrscheinlich alle verpeilt, und Ylvie tänzelt mit ihrer frech-fröhlichen Art aus dem Schatten der Bude vor uns hin und herum und will wissen, ob wir wissen, wo. Ich will gar nicht dran denken wie dieses Wochenende weiterging, wann es aufgehört hatte, wie mal wieder alles schief lief, ich will jetzt einfach nur ins Stadtbad Tiergarten, stumpf Bahnen schwimmen und irgendwie diesen Tag und wahrscheinlich auch mein ganzes Leben herumkriegen.
Rechterhand ein Brachgelände, übersät mit kleingehäckseltem Stahlbeton, die sich krümmenden Träger verrostet, dazwischen verdorrtes Gestrüpp, darum Bauzaun und auf dem Bauzaun sitzt eine dunkle Krähe die ihr Gefieder zum Schutz gegen die Kälte aufgeplustert hat. Ich gebe mir alle Mühe nicht abergläubig zu sein, weil nur archaisch-dumme Menschen abergläubig sind, aber es will mir nicht so recht gelingen, genausowenig wie ich jetzt weiterhin diese nebulöse Erinnerung eines Intelligenztestes mit Ergebnis 140 aufrechterhalten kann, wahrscheinlich war das nur geträumt und falls doch nicht, habe ich mir mittlerweile mit Hilfe großer Mengen Alkohol und chemischer Substanzen diesen Spitzenwert zerschossen und auf ein aberglaubtaugliches Niveau runtergeschraubt.

Vor ein paar Stunden war Daniela zum Frühstücken da, wir haben gescherzt, für einen Moment fühlte ich mich leicht erheitert, trotz leeren Posteingangs, leeren Kontos und leeren Sinns. Mein neuer Bofrost-Katalog, der mir von einem freischaffenden Künstler Schrägstrich Handelsvertreter, wie sich der leicht angegraute Mann mir vorgestellt hatte, in die Hand gedrückt wurde als ich meine Wohnungstür öffnete, mich noch wundernd, daß es eigentlich nicht ihre Art ist, ohne Bescheidsagung eine halbe Stunde vor dem verabredeten Termin aufzutauchen, diente mir erst als Therapieblock, dann forderte ich im spontanen Rollenspiel meine Patientin auf ein Tiefkühlgemüse auszuwählen und mir die Gründe zu nennen warum sie sich gerade damit identifiziere. Ihre Wahl fiel schließlich auf den Erbseneintopf, das große Durcheinander im Kopf symbolisierend, am liebsten mit gestückeltem Würstchen, Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.
Das Gescherze nähert sich gefährlich dem eigentlichen Grund des Treffens und nach der nächsten kurzen Pause in der Stille herrscht kommt sie auf den Punkt, den altbekannten, mittlerweile wissen wir halbwegs damit umzugehen, das Drama hält sich in Grenzen, als sie mir sagt, daß ihr eine Affäre nicht ausreicht, daß sie sich ausgenutzt fühlt, wenn wir nur miteinander schlafen, daß sie das Gefühl hat ich würde mich nicht für ihr Leben interessieren und daß sie von meinem eigentlich gar nichts wüßte. Ich sehe einen kurzen Augenblick lang ihre verzweifelte Traurigkeit, aber sie weint nicht. Nicht mehr.
Noch ein paar Sätze, dann ist sie in den Mantel geschlüpft, hat ihre Stiefel angezogen und mir Tschüss gesagt. Ich dagegen habe nicht viel gesagt, nunja, Tschüss natürlich schon, aber ob das wirklich das richtige war, darüber bin ich mir noch nicht so sicher. Mir fällt dieser Satz ein, der mit dem Spatz in der Hand und der Taube auf dem Dach und daß in der Überlieferung irgendetwas schief ging, daß einer der Vögel vielleicht doch eine Krähe ist, vielleicht auf einem Bauzaun.
Vielleicht bin ich aber auch einfach nur ein Arschloch, mir solche Gedanken zu machen, mich zu fragen, ob ich eventuell glücklich geworden wäre, mir und ihr etwas vorzulügen. Ihr, die mich letzte Woche noch gefragt hatte, was mir besser gefiele, wenn sie dem Arschloch sein Arschloch saugt oder mit der Zunge kitzelt.

Der Fernseher rettet mich, vor zuvielem Nachdenken, vor dem nicht klingelnden Telefon, Peter Fox gewinnt den Bundesvision-Songcontest und ich höre zum ersten Mal Schwarz zu Blau, bekomme Lust auszugehen, raus in die Nacht, in die Kälte der Stadt und -trotz Heizung und Schweiß- in die Kälte der Clubs. Ich trinke den letzten Schluck Grasovka, will mehr, weiß nicht wohin mit mir, bin überrascht, daß mich das Treffen so niedergeschmettert hat, wahrscheinlich weil mein Sexleben jetzt erstmal wieder Pause macht.
Im Bett hat es immer gut geklappt zwischen uns, was viel Wert ist, die Phantasie auf Trab hielt und mich in einem Stimmungsgemisch aus Geilheit, Perversion und Staunen, manchmal auch Selbstekel, aber -wie ich jetzt erst merke- leider viel zu selten Genugtuung.
Zu selten ist es mir auch gelungen ihre Schönheit unter all dem Müll der in ihrem Leben passiert ist zu erkennen. Noch schlimmer, ich habe den Berg noch größer gemacht, ihr das Gefühl gegeben, daß die Frau davor -Tanja- besser war und sie mir lästig, selbst als sie aufgelöst frühmorgens vor meiner Tür stand, direkt vom Frauenarzt kommend, mit der Nachricht ihrer Schwangerschaft. Laß später reden, nach dem Frühstück und momentan ist auch Besuch aus Hamburg da, um den muß ich mich kümmern, die geplante Hanfplantage in Kroatien besprechen, obwohl ich Grün ist die Hoffnung gelesen hatte, mir von vorne herein klar war, daß das schief gehen würde, was es natürlich auch tat.
Nach dem Abbruch lag ich mit ihr zwei Tage im Bett, brachte Tee und DVDs, aber Shrek vertrieb den Schrecken nur leidlich, Big Fish hätte ich lieber mit einem Mädchen gesehen in das ich verliebt war und am dritten Tag war mir alles lästig.

Jetzt kann ich gar nicht glauben, daß das alles drei oder vier Jahre her ist, daß mittlerweile meine zwei besten Freunde nicht mehr meine Freunde sind, weil sie mit Tanja gefickt haben, oder Tanja mit ihnen, wie man’s nimmt, daß auch mein Leben wie ein großer Erbseneintopf ist, mit mißlungenen Affären, mißrateneren Beziehungen und das alles im Strudel der Beats und der Bässe.

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